19. Februar 2026
Eine Nacht der Geschichten!
Eigentlich hatte ich einen "Ich-verlass-das-Haus-nicht-Tag" geplant. Aber wie das so ist mit dem Wörtchen "eigentlich": Krankheitsbedingt ist Andreas‘ Beifahrerin ausgefallen und er fragt in der Straßenteam-Gruppe, ob jemand spontan einspringen könne.
Kurz überlegt: Couch vs. Kälte – no Chance für Couch. Also los Richtung Lager.
Herzliche Begrüßung: Wie Susanne neulich geschrieben hat, bin auch ich früher schon mal mit Andreas auf Tour gefahren. Wagen packen und los – Hagen steht auf dem Plan. Passt – gestern war ich in Wuppertal.
Wir planen die Tour, frischen Erinnerungen auf, verlieren dabei jedoch nicht die Umgebung aus den Augen. Die selektive Aufmerksamkeit haben wir verinnerlicht: Wir möchten niemanden übersehen, der unsere Hilfe benötigen könnte. Es ist ruhig.
Wir finden Menschen tief schlafend vor, die wir nach vorsichtiger Prüfung nicht wecken.
Irgendwo auf einer Bank sehen wir eine junge Frau mit untergeschlagenen Beinen sitzen, dick vermummt, nur die großen Augen schauen heraus. Leere Bierflaschen neben sich, eine Handtasche auf dem Schoß. Andreas spricht sie leise und behutsam mehrfach an – keine Reaktion. Er geht zurück zum Wagen, ich versuche nun, eine Reaktion hervorzurufen, sage ihr, dass sie keine Angst zu haben braucht. Vielleicht hat sie zu einer Frau ja mehr Vertrauen? Keine Chance. Sie schiebt nur den Schal noch weiter nach oben – wie ein Zeichen, dass sie nicht redet. Ich sehe, wie ein Mann auf dem Rasen hinter der Bank sich zögernd nähert, uns beobachtet.
Ich gehe zurück zum Wagen, will Andreas sagen, dass wir noch warten und den Mann beobachten sollten. Sein Verhalten ist zu auffällig. Der Mann nähert sich nun eilig ebenfalls dem Wagen.
Es stellt sich heraus, dass er ihr Vater ist. Andreas erklärt, wer wir sind, und er erzählt uns ihre Geschichte. Einzelheiten tun nichts zur Sache. Wir stehen in der Kälte, die wir für einen Moment vergessen.
Das sind seine Abende: Er bleibt im Hintergrund, passt auf seine Tochter auf, bis sie nach Hause geht, begleitet sie und geht dann selbst nach Hause. Andreas bietet ihm einen Kaffee, einen Tee an – aber er lehnt dankbar lächelnd ab. Wir geben ihm für alle Fälle unsere Karte, vielleicht können wir irgendwann helfen. Wieder im Wagen müssen wir tief durchatmen, sind einfach nur fassungslos.
Wir fahren weiter, schließlich durch die Fußgängerzone. Ein Herr benötigt dringend warme Kleidung, erhält er, sowie etwas zu essen und zu trinken.
Es geht weiter – wir treffen auf einen jungen Mann, den wir beide gut kennen. Er ist auf der Suche nach einem ruhigen Platz, wo er übernachten kann. Krach machende und Müll herumkickende Jugendliche haben ihn von seinem Platz vertrieben. Einen Teil seiner Geschichte kennen wir bereits, nun erzählt er von seinen letzten Erlebnissen. Er erhält natürlich was zu essen und zu trinken, versichert uns immer wieder, was für ein Glück es sei, dass er uns getroffen hat. Als Andreas ihm vorschlägt, statt des großen Stücks Pappe doch lieber eine Isomatte zu nehmen, jubelt er laut los.
Wieder eine Geschichte.
Am Hauptbahnhof ist zunächst nichts los und wir gehen eine Runde, schauen nach einem weiteren uns gut bekannten Herrn, der jedoch unter einer Decke fest schläft. Wir gehen weiter, ein Mann spricht uns an – er hätte gesehen, dass wir zu dem 'Wagen da' gehören. Er gibt uns eine Art laminierter Visitenkarte und erzählt eine Geschichte von einer Krankheit, selbst generierter KI-Musik, Abspielen am Dortmunder Hauptbahnhof für Obdachlose, Verbot, Gericht - dann kommt sein Bus und er muss weiter.
Wir schauen uns an: Eine Nacht der Geschichten.
Zuhause googel ich: Der Mann ist der Hagener Künstler Thomas Minga (TommyMinga), der tatsächlich Musik für u.a. auch Obdachlose macht.
Am Vereinswagen wartet der Herr, über dessen Wiedersehen nach einem Jahr ich mich so gefreut habe. Freudige Begrüßung, er erhält sein Standardpaket und erzählt. Wir haben Zeit für ihn, er bleibt heute am Hauptbahnhof tatsächlich der einzige. Und so erfahren wir die ganze, traurige Geschichte, wie er auf der Straße gelandet ist. Es ist wie bei der jungen, schweigenden Frau: Es kann so schnell gehen, wie man es nicht glauben kann und auch nicht glauben mag.
Völlig durchgefroren sitzen wir wieder im Wagen und fahren Richtung Lager. Wir sind uns einig: Die junge Frau und ihr Schicksal waren für uns beide heute das erschütterndste, traurigste Erlebnis. Auf dem Heimweg reflektiere ich wie immer die Tour. Eine Nacht der Geschichten!
Passt gut auf euch auf sagen
Andreas und Karin
vom Team Lichtschmiede e. V.