Gedanken zum Tag
Kathrin
Wir, die wir nicht auf der Straße leben, können Mitgefühl empfinden mit Leuten, die das tun. Wir können versuchen, uns vorzustellen, wie es ist, frierend draußen zu leben. Viele von uns denken vielleicht: Eine Nacht würde ich irgendwie schaffen. Warm anziehen, Zähne zusammenbeißen, durchhalten bis zum Morgen. Und ja, schon diese Vorstellung ist grauenhaft genug.
Lichtschmiede e. V. - Hilfe, die ankommt
Aber das ist für gewöhnlich nicht die Realität von Menschen ohne Wohnung.
Für sie ist es nicht EINE Nacht. Es ist JEDER Tag und es ist JEDE Nacht. Vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, ohne Pause, ohne sicheren Rückzugsort. Es gibt kein Danach, kein "morgen wird es besser", nur weil man durchgehalten hat.
Was wir oft unterschätzen, ist nicht nur die Kälte selbst, sondern ihre langatmige Dauer. Es gibt nicht die Gnade einer warmen Dusche am Abend. Nicht das Gefühl, nach Hause zu kommen und die kalten Sachen auszuziehen. Kein Aufwärmen auf dem Sofa, kein Tee, kein Heizkörper, an den man sich lehnen kann. Orte, an denen man kurz Schutz sucht, sind selten wirklich sicher. Wer sich irgendwo aufwärmt, wird nicht selten weitergeschickt, weil er dort nicht gewollt ist.
Ein Tag auf der Straße ist außerdem sehr langatmig. Es gibt keinen geregelten Alltag, keine Arbeit, keinen Kalender, der Struktur gibt. Kein Internet, um sich abzulenken oder einfach für einen Moment nicht nachzudenken. Kein Serienmarathon im Fernsehen. Kaum Beschäftigung, wenig Ansprache, wenig Sinnstiftung. Viel Zeit, um Gedanken kreisen zu lassen. Viel Zeit, in der Sorgen größer werden, weil nichts sie unterbricht. Ein endloses Warten auf...
Ja, auf WAS eigentlich? Irgendeine Erlösung, die nicht kommt? Eine, auf die man schon drei Jahre wartet und die doch vielleicht irgendwie noch hoffen lässt. Alles während die Meisten von uns es schon unangenehm finden, ungeduldig eine Stunde in einem Wartezimmer hocken zu müssen. Wie lang muss dann ein Tag auf der Straße sein? Und der Nächste. Und der Nächste. Dazu kommt die ständige körperliche Erschöpfung. Kälte macht müde. Hunger macht müde. Unsicherheit macht müde. Und trotzdem muss man wachsam bleiben. Auf seine Sachen aufpassen. Auf sich selbst aufpassen. Immer bereit sein, weiterzugehen.
Was mich in dem Zustand mal tief berührt hat: Wir verteilen auch Süßigkeiten und die sind wirklich super beliebt. Ich war immer davon ausgegangen, dass uns der Spaß daran einfach verbindet als Menschen. Aber als mir einer unserer Schützlinge erklärt hat, dass die Schokolade für ihn im Winter so wichtig ist, weil sie kompakt viele Kalorien auf einmal liefert, musste ich schlucken. Das hatte ich gar nicht bedacht. Und mir wurde wieder einmal klar, dass das, was wir als kleinen Luxus wahrnehmen, auf der Straße eine ganz andere Bedeutung hat.