Gefühlschaos ist etwas, das uns nicht so oft begegnet bei unseren Bekannten auf der Straße.
Kampf ums Überleben, Sorgen, Nöte, extreme Bedürftigkeit, Drogen, Abstürze - das ist Standard.
Aber bei unserer Verabredung mit einem jungen, aber seit Jahren "erfahrenen" Straßenmenschen, merkten wir gleich, dass eine andere Droge von ihm Besitz ergriffen hatte.
Er hatte sich verliebt in jemanden, der nicht obdachlos ist.
Eindeutige Anzeichen: "Immer, wenn ich mit ihr zusammen bin, sage ich so dämliche Sachen.
Erkenne mich dann nicht mehr.
Ich verbringe viel Zeit mit ihr, kann dann auch nicht mehr schnorren - keine Zeit.
Will auch nicht, dass sie mich so sieht.
Versuche neuerdings ihr aus dem Weg zu gehen.
Mit meiner Geschichte und meinem Alltag ist das alles nicht kompatibel.
Was soll sie mit mir? Und trotzdem..."
Nicht ganz unberechtigte Gedanken und es spricht für ihn, dass er sie sich macht.
Wir sind sehr gespannt, wer gewinnt: Herz oder Vernunft.
Leben findet eben auch auf der Straße mit all jenen emotionalen Facetten statt, die man nur sehr schwer beeinflussen kann.
Auf unserer Freitagstour trafen wir auf einen sehr verzweifelten neuen Bewohner der Straße.
Nach einer Räumungsklage war er am Tag zuvor in der Obdachlosigkeit gelandet - mit nichts.
Sein gesamter Besitz, der sich in der Wohnung befand, war beschlagnahmt worden.
Wir konnten die Not etwas lindern, indem wir ihn mit Isomatte, Schlafsack, Rucksack und Hygieneartikeln versorgten.
Die Verzweiflung blieb aber - sprach ihm aus den Augen.
Wir gaben ihm eine Karte mit der Vereinsrufnummer für Anfragen und Notfälle und versprachen, weiter nach ihm zu sehen.
Vielleicht ein kleiner Trost, die Aussicht darauf, dass wir uns um ihn kümmern werden, wenn er Hilfe braucht.
Immer wieder hatten wir auf unseren Touren einen etwas abseits gelegenen Platz unter einer Brücke aufgesucht.
Dort war ein Lager eingerichtet, aber wir hatten nie jemanden angetroffen.
An diesem Abend konnten wir das Rätsel lösen und unterhielten uns lange mit der jungen Frau von der Brücke.
Sie erzählte bei einer Terrine, dass sie oft lange in der Stadt unterwegs sei.
Schlafen wolle sie dort aber nicht.
Zu unsicher.
"Vor einiger Zeit hat mir jemand mitten in der Stadt meine Schuhe geklaut, während ich schlief.
Es hatte geschneit und ich musste den ganzen Tag auf Socken durch den Schnee laufen.
Gott sei Dank hat mir eine fremde Frau dann Schuhe gekauft.
Hier ist man ansonsten oft so hilflos.
Gut, dass es euch wenigstens gibt."
Drei Schicksale, die berühren, weil sie zeigen, dass es neben der offensichtlichen Notlage ohne "Dach über dem Kopf", die körperlich und existentiell schwer belastet, oft auch eine tiefe emotionale Verzweiflung gibt.
Auf unserer Tourstrecke fanden wir auch das Zelt, das eines unserer Teams an zwei Bekannte ausgegeben hatten.
Sie waren wohl unterwegs, denn das Zelt war leer.
Aber es sah von außen wie ein Zuhause aus.
Gut!
Passt auf euch auf.
Sabine und Monika vom Team Lichtschmiede e. V.