01. März 2024

"Wie geht es dir?"

Die Frage "Und? Wie geht es dir?", stellen wir sehr oft bei unseren Besuchen bei den Wuppertaler Straßenmenschen.
Auch auf dieser Tour. Während es im "normalen" Leben meist eine Höflichkeitsfloskel ist, macht sie auf der Straße Sinn und die Antwort fällt oft überraschend aus. Gleich bei unserem ersten Stopp brach ein alter Bekannter in Tränen aus. Sein Bruder und sein Neffe waren in der Türkei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Alle Verwandten aus seinem Umfeld waren zur Beerdigung gefahren. Sein Aufenthaltsstatus hatte es verhindert. Es war wichtig, dass er drüber reden konnte, jemandem seine Trauer mitteilen konnte. Die Terrine, der Kaffee waren nebensächlich.
In Vohwinkel besuchten wir wieder die Frau, die sich immer über unseren Besuch freut, gerne einen Tee nimmt, aber auch gerne provoziert. "Wie kann man das eine Obdachlose fragen? Natürlich schlecht". Wir hatten diese Antwort schon oft gehört, waren darauf vorbereitet und immer wieder eröffnet diese Frage ein Gespräch über das, was sie bewegt. Und dann machen wir ihr Mut. Das, was sie braucht.
Wir hatten uns verabredet mit jemandem, der nach einem Aufenthalt im Wohnheim wieder auf der Straße gelandet war. Er brauchte das volle Programm: Schlafsack, Isomatte, Rucksack - eben alles. "Wie geht es dir?" Keine Antwort. Wenn man eine Zeit lang gehofft hat, der Straße zu entkommen und wieder gescheitert ist, gibt es meist nur innerliche Verwirrung, Verzweiflung. Wieder Fuß fassen auf der Platte eben. Keine Zeit für Befindlichkeiten.
Auf dieser Tour trafen wir einige, die innerhalb weniger Wochen sichtlich abgebaut hatten, nicht wiederzuerkennen waren. Wie ist das möglich in so kurzer Zeit? Die Straße und der Kampf ums Überleben ist immer auch gepaart mit Drogen, Alkohol, Verzweiflung, Vergessen. Wir können nur für den Moment helfen. "Wie geht es dir?" Eine Frage, die auf der Straße keine Floskel ist.
Und dann, am Ende der Tour besuchten wir den, der immer positiv ist, obwohl er unter den schlechtesten Bedingungen lebt: menschenunwürdig! Immer wieder seine Antwort: "Was soll ich sagen, muss eben. Geht irgendwie immer weiter".
Passt auf euch auf. Eure Sabine und Monika