28. Juni 2026

Du bist nicht allein

Vielleicht liegt’s am Vollmond – aber das Schicksal ist uns heute nicht wirklich gut gesonnen.

Die Tour war natürlich für zwei geplant, aber irgendwie kommt eins zum anderen, nix passt, so dass es nur zwei Optionen gibt: Abbrechen oder ich fahre alleine. Für die Entscheidung muss ich keine Sekunde überlegen: Natürlich fahre ich! In Absprache mit Olaf allerdings nur zum Hauptbahnhof.

Dort ist wie meistens viel los und wie immer herrscht große Freude auf beiden Seiten, sich wiederzusehen. Natürlich freuen sie sich, dass wir da sind, wir versorgen sie mit Notwendigem und so einigen Wünschen.

Aber das ist es nicht nur, irgendwann spielt auch Persönliches rein und das findet dann schon mal in einem vorsichtigen Streichen über die Hand und in scheu gemurmelten Worten wie "Dich mag ich" Ausdruck.

Die Situation bei der Ausgabe ist heute eine andere: Ich bin alleine. Ich werde immer mal wieder gefragt, ob ich keine Angst hätte. Ganz klare Antwort: NEIN.

Es gibt einige Bemerkungen, dass ich alleine bin, ich erkläre kurz das Notwendigste und damit ist die Sache erledigt.

Ein neuer Gast erwartet, sofort "bedient" zu werden, ist wirklich penetrant, ruft in einer Tour: "Ich will Essen! Ich habe Hunger!" Ich erkläre ihm ruhig und ausführlich, es geht – zumindest halbwegs – nach Reihenfolge der Ankömmlinge, interessiert ihn aber eher nicht.

Dann taucht ein sehr lieber Bekannter auf, ich kenne ihn seit Anfang 2024. Immer höflich, zurückhaltend, bescheiden, weist Störenfriede zurecht. Es ist sein "Job". Als er registriert, dass ich alleine vor Ort bin, bleibt er in der Nähe. Er signalisiert, dass er später mit mir reden möchte, wenn ich dann mal allein am Wagen bin. Das kann dauern!

Immer wieder kommen Menschen an den Wagen, außer Wasser gebe ich auch viele Terrinen, Kaffee, Hygieneartikel aus. Deospray ist eindeutig beliebter als Deoroller: Manchmal sprühen sich einige direkt damit ein.

Oft wird zusätzlich Zucker zum Kaffee "3 in 1" gewünscht, der Zucker in der Fertigmischung reicht nicht. Zucker bedeutet Energie! Der Süßigkeitenvorrat war knapp, daher bin ich froh, noch Löffelbiskuit von Zuhause mitgenommen zu haben. Als ich sie auspacke, fragt ein Herr: "Und jetzt gibt's Tiramisu?" Ich muss lachen: "Die sind tatsächlich vom letzten Tiramisu übriggeblieben!"

Der ungeduldige Herr zeigt auf seine Füße, einige Zehen sind verbunden. Ich brauche mich nicht zu kümmern, der Bekannte, der am Wagen bleibt und aufpasst, erklärt ihm, dass er zu Luthers Waschsalon muss, fügt Adresse und Öffnungszeiten hinzu. Der ungeduldige Herr nickt, hoffentlich hat er wirklich verstanden. Er hat übrigens eine ungewöhnliche Art, seine Terrinen zu löffeln: Er will unbedingt Nudeln – und die ohne Wasser. Ich frage mehrmals nach, dachte, ich hätte ihn nicht verstanden. Ich reiche ihm also eine Nudelterrine – und er knabbert tatsächlich die trockenen Nudeln!

Als alle versorgt sind, habe ich endlich Zeit für ein Gespräch. Der Bekannte erzählt aufgeregt aktuelle, positive Entwicklungen in seinem Leben, sagt immer wieder, dass er mir das unbedingt erzählen wollte, unbedingt darüber reden wollte. Ich habe ihn noch nie so euphorisch gesehen, eher immer bedrückt, hoffnungslos. Ich sehe sein glückliches Gesicht, seine Freude ist ansteckend - ich freue mich so sehr für und mit ihm! Die Freude hält noch lange an, die ganze Rückfahrt über muss ich an seine strahlenden Augen, sein glückliches Gesicht denken.

Um ein Uhr bin ich am Lager, die üblichen Tätigkeiten – dann geht’s nach Hause.

Passt auf euch auf und auf eure Lieben!

Karin von der Lichtschmiede e. V.