01. Juli 2026
Das sollte jeder tun
Als ich am Lager eintreffe, haben Olaf und Andreas bereits Einkäufe sowie Spenden eingeräumt.
An dieser Stelle ganz herzlichen Dank an alle Spender und Spenderinnen, die unserem Aufruf „Wasserpaten gesucht“ nachgekommen sind.
Wir entscheiden uns dagegen, die große elektrische Kühlbox mitzunehmen und packen stattdessen gekühlte Flaschen aus der Kühlbox ein. Sehr kalte Getränke sind bei Hitze eh nicht empfehlenswert - Kreislauf, Magen-Darm – keine Angst, jetzt folgt kein medizinischer Vortrag!
Aufgrund einer Meldung starten wir Richtung Witten zu einem Treffpunkt, wo ein junger Mann auf uns warten soll. Den finden wir zwar nicht, aber einen anderen obdachlosen Herrn. Er ist sehr scheu, Olaf erklärt ihm, wer wir sind und allmählich fasst er Vertrauen.
Unser Wagen steht nur wenige Schritte entfernt, aber er möchte seinen Platz mit wenigen Habseligkeiten nicht verlassen, da er erst vor kurzem überfallen und ausgeraubt wurde.
"Ich verstehe das nicht, warum muss man Menschen, die kaum was haben, den Rest auch noch nehmen?"
Das verstehen wir auch nicht! Wir bringen ihm alles, was er benötigen könnte, und – Socken. Er ist schier außer sich vor Freude, zieht Schuhe und Socken aus, die er umgehend entsorgt und möchte die neuen sofort anziehen, aber lieber die Füße vorher waschen. Olaf empfiehlt ihm spontan unsere Feuchttücher. Es ist ihm peinlich, da immer wieder Menschen vorbei gehen. Wir versichern ihm, dass das völlig uninteressant ist. Seine Fassungslosigkeit und Dankbarkeit über unsere Hilfe bleibt bis zum Schluss offensichtlich – wir werden wieder nach ihm schauen!
Auf dem Weg zum Wagen sehen wir, wie jemand aus dem Supermarkt kommt und ihm eine große Flasche Cola gibt. Wir bedanken uns und er sagt schlicht: "Das sollte jeder tun."
Wir fahren weiter und sehen einen offensichtlich hilfsbedürftigen Mann mit Rollator, der einen Mülleimer nach Flaschen durchsucht. Er nimmt dankbar unsere Hilfe an, erzählt, dass er demnächst für ein halbes Jahr eine Entgiftung macht. Wir drücken die Daumen, dass er es schafft. Nach jahrzehntelanger Alkoholabhängigkeit und dann wieder auf die Straße - aber wer weiß!?
An bekannten Plätzen in Witten und Wetter hält sich niemand auf, in Hagen treffen wir uns mit einem Bekannten, der bereits auf uns wartet. Er erhält sein Standardpaket, wir fahren weitere Plätze ab und dann durch die Fußgängerzone.
Drei uns bekannte Obdachlose sitzen zusammen, etwas weiter links liegt eine Person unter einem Baum und noch weiter links eine weitere Person in einem Geschäftseingang. Zwei von den dreien sind in einem sehr schlechten Zustand. Der dritte erzählt eine Geschichte, die sich immer mehr als zweifelhaft erweist. Eins mögen wir gar nicht: offensichtlich angelogen zu werden. Die drei werden aber selbstverständlich mit Terrinen, Wasser, Kaffee, Süßem versorgt.
Wir gehen zu der unter dem Baum liegenden Person und fragen leise nach, ob sie etwas braucht. Der Herr blinzelt, er ist schlecht zu verstehen, möchte nur ausruhen. Olaf fragt mehrmals nach, schließlich liegt er auf dem Boden ohne Unterlage. Nichts zu machen, wir stellen ihm zumindest eine Flasche Wasser hin.
Der Herr in dem Geschäftseingang ist bestens ausgestattet mit Schlafsack, Isomatte und Rucksack und benötigt nichts weiter. Er ist Straßenmusiker, Olaf fragt nach seinem Musikinstrument und er es packt aus. Es ist eine Saz Baglama - türkische Langhalslaute.
Er fragt, ob wir deutsch sind. Nicken. Wirklich? Wirklich. Und dann fängt er an zu spielen: Die deutsche Nationalhymne.
Olaf und ich gucken uns an – wir haben mit allem gerechnet, aber damit nun wirklich nicht. Er strahlt uns an und wir applaudieren.
Letzte Station: Hauptbahnhof. Im Gegensatz zu Sonntag, als ich alleine dort war, ist jetzt eher wenig zu tun.
Bekannte und neue Gäste erhalten erfüllbare Wünsche, der ungeduldige Herr ist auch wieder da, knabbert die trockenen Nudeln aus der Terrine, dann sind alle versorgt, ein letztes Winken - und die Tour ist beendet.
Passt gut auf euch auf sagen
Olaf und Karin
von der Lichtschmiede e. V.