12. April 2026
'Wenn wir irgendwann einmal Gleichgültigkeit spüren, dann sollten wir aufhören.'
Das sagte Andreas zu mir. Er sagte es, als wir aus dem Vorraum einer Sparkasse in Hagen kamen, wo wir gerade vorher einen Obdachlosen versorgt hatten, der ohne Unterlagen auf den Stufen lag. Einen Schlafsack nahm er dann auch gerne, aber eine Isomatte bräuche er nicht, sagte er. Essen, trinken, reden – und dann gehen wir wieder.
In der Regel ist es so, diesmal warteten wir ab, weil zwei junge Männer den Sparkassenvorraum betraten und verächtliche Blicke in unsere Richtung warfen. Wir wollten warten, bis die beiden den Vorraum wieder verlassen haben, damit der Mensch, der hier lag, sicher war.
Das ist natürlich ein Irrglaube, zum einen hätten die beiden wahrscheinlich außer abfällig zu gucken, nichts gemacht. Zum anderen ist es Tatsache, dass wir bei den Obdachlosen nur für einen Bruchteil der Nacht sind, während sie für den ganzen Rest der Nacht schutzlos an ihren Stellen liegen.
Ich sagte zu Andreas, dass ich – glaube ich – mich nie daran gewöhnen werden kann und mich nahezu jedes Mal eine Art von Trauer überfällt, die eigens für das Leid der obdachlosen Menschen gemacht ist.
An anderer Stelle in Witten fanden wir einen Mann – auch er mit quasi nichts in der Ecke einer überdachten Einkaufsstraße liegend. Er wirkte fast zerbrechlich, als wir ihn ansprachen und auch er nahm dankbar warmes Essen und Kaffee, Wasser und etwas Süßes an. Aber auch er brauchte keine Isomatte oder gar einen Rucksack – er lag auf etwas, das wie eine zusammengeknüllte Decke aussah und er sagte, das reiche ihm. Diesmal war es der Blick dieses Menschen und die leise Stimme, die wiederum diese einzigartige Trauer in mir hochkommen ließ.
Nach außen vielleicht abgeklärt, weil wir ihnen ja die Sicherheit geben wollen, dass sie bei uns sicher sind, innen sieht es ganz anders aus.
Natürlich gibt es auch 'unsere bekannten Gesichter'. Die, die schicksalsergeben ihre Zeit auf der Straße leben und damit – so meint man – irgendwie abgeschlossen haben. Diese Bedürftigen schauen uns an, als wäre es das normalste der Welt, bei uns am Auto mit dem Notwendigen verpflegt zu werden. Wir unterhalten uns und sie erzählen manchmal vom Tag, grüßen freundlich, wenn sie gehen und ziehen ihrer Wege. Nicht, dass das normales Leben ist – aber die traurigen Momente empfinde ich bei einigen, bestimmten Menschen, denen in den Augen steht, wie groß die Verzweiflung und teilweise schmerzhafte Resignation ist.
Es gibt auch fast witzige Momente – so ein Mitmensch, der von uns einen Becher Tee erfragte. Bitte mit vier Stück Zucker, kurz darauf kam er wieder und fragte, ob er noch drei dazu bekommen könne. Ok, sieben Stücke Zucker auf einen Becher Tee. Den Becher fanden wir kurz darauf voll an einem Mülleimer stehen – wir gehen stark davon aus, dass der Tee ihm einfach zu süß war.
So viele Emotionen, die eine Nacht auf der Straße mitbringen und doch ist es jedesmal etwas Neues. Mal überwiegen die neutralen Gedanken und vielleicht das eine oder andere Schmunzeln. Mal sind es die traurigen Gedanken, die ich für die Obdachlosen in mir trage. In all der Gefühlswelt ist jedoch für uns als Verein auch sachlich eins ganz wichtig: Wir benötigen Unterstützung und das – ganz ehrlich gesagt – am besten in finanzieller Hinsicht. Denn mit finanzieller Unterstützung können wir gezielt das besorgen, was gerade gebraucht wird – das ist im Sommer wiederum anders als im Herbst / Winter. Und auch jetzt schon fangen wir an, uns Gedanken für die Herbst- und Winterversorgung zu machen.
Begleitet uns, nicht nur mit unseren Berichten, sondern auch auf der Straße. Nicht körperlich unbedingt, sondern mit dem, was wir von euren Spenden kaufen können. "Wenn wir irgendwann einmal Gleichgültigkeit spüren, dann sollten wir aufhören."
Diese Gefahr werden wir von Lichtschmiede nicht laufen, davon sind wir überzeugt. In diesem Sinne, denkt an eure Mitmenschen, manchmal braucht es einen kleinen Ruck, um zu helfen. Denkt dabei auch an euch, denn ein Sprichwort sagt nicht falsch: Freude, die man gibt, kehrt ins eigene Herz zurück.
Passt gut auf euch auf sagen
Andreas und Heike
vom Team Lichtschmiede e. V. - Hilfe, die ankommt