09. September 2026
Ein Luxus
Carina und ich sind uns einig – wir sind noch auf Sommermodus eingestellt. Aber die deutlich gesunkenen Temperaturen belehren uns eines Besseren und wir packen den Vereinswagen entsprechend: Kein gekühltes Wasser, dafür eine Kanne heißes Wasser mehr.
Die beiden Herren, die wir als Erstes zu treffen hoffen, sind zuverlässig an ihren Schlafplätzen und sichtlich froh, uns zu sehen. Die Kommunikation mit einem der beiden gestaltet sich ein bisschen schwierig. Tee ist gut zu verstehen, aber dann hat er noch einen Wunsch und wir sind völlig überfordert. Nicht umsonst gibt es den Ausdruck „mit Händen und Füßen“. Die Füße benötigt er nicht, aber als er drei Finger hochhält und dann eine umrührende Geste mit der Hand macht, wird es klar: drei Stücke Süßstoff!
Herzliches Gelächter, jetzt haben wir das schwierige Wort verstanden! Er kann nicht gut laufen und auch nicht stehen, also bringen wir das Gewünschte zu ihm und strahlend nimmt er Tee und Haribo in Empfang.
Beim nächsten Halt folgen uns gerne zwei Herren zum Wagen, der dritte schläft tief und fest, wir wollen ihn nicht wecken. Einer der beiden erzählt, dass er eine Ausweisung erhalten hat, er muss in einigen Wochen zurück in die Türkei. Das sei aber nicht so schlimm, er hat seinen Vater seit elf Jahren nicht gesehen und würde sich nicht verzeihen, ihn vor seinem Tod nicht noch mal gesehen zu haben.
Am Hauptbahnhof kommt zunächst nur ein Herr eilig zu uns – für längeren Aufenthalt draußen ist es allmählich schon zu kalt, aber wir sind sicher, dass noch weitere Obdachlose uns finden. Hinzu kommt ein kalter Wind und er und weitere Hinzugekommene freuen sich über Warmes zu essen und zu trinken.
Was Süßes ist sehr wichtig und es ist immer wieder faszinierend, wie viele Stückchen Zucker in Kaffee- und Teebechern landen! Hygieneartikel, Socken und ein Rucksack werden benötigt – Carina und ich haben gut zu tun. Wie meistens sind einige sehr scheu und zögerlich, trauen sich kaum, Wünsche zu äußern, andere dagegen sehr fordernd – die sind allerdings in der Minderheit.
Es fängt heftig an zu regnen, wir versorgen noch schnell den letzten unserer Gäste und starten … ja, wohin? Geplant war Fußgängerzone – aber finden wir jemanden bei diesem Regen? Die Frage hat sich schnell erledigt – der Regen wird weniger und ist ganz vorbei, als wir in die Fußgängerzone einbiegen.
Carina: „Ich glaube, da läuft uns gerade einer nach!“
Tatsächlich, ich halte an und wir treffen auf einen hoch erfreuten Herrn: „Was für ein Glück!“
Er fragt ganz höflich nach etwas zu Essen und als Carina ihn fragt, ob er eine zweite Terrine möchte, antwortet er: „Aber nur, wenn ihr sie übrig habt.“
Aber klar doch.
Das Highlight ist allerdings ein Trinkbecher, in den Carina „Krümel-Früchtetee“ gibt und mit Wasser auffüllt. Geschmacksprobe: „Noch einen Löffel mehr?“ – aber sicher doch. Seine Freude ist wirklich ansteckend!
Geplant ist nun die Rückfahrt, aber als wir an einer Stelle vorbeikommen, an der sich jemand zum Schlafen bereit gemacht hat, erneuter Halt. Es stellt sich heraus, dass er ein alter Bekannter ist – große Freude, ihn zu sehen. Auch er ist ein sehr zurückhaltender, höflicher Herr, der außer etwas Warmem auch einen Schlafsack benötigt.
Auf der Rückfahrt sprechen wir über die ambivalenten Gefühle, nach längerer Zeit obdachlose Menschen wiederzutreffen. Auf der einen Seite die Freude, dass sie leben. Auf der anderen Seite die traurige Gewissheit, dass sie immer noch obdachlos sind. Alltag in diesem Ehrenamt.
Am Lager Abschlusstätigkeiten, wir verabschieden uns und jede fährt zu ihrem Zuhause. Ich denke über die Tour und das letzte Gespräch mit Carina nach … irgendwann fällt mir auf, dass mir kalt ist und ich stelle die Heizung höher. Ein Luxus.
Passt auf euch auf und auf eure Lieben.
Carina und Karin
vom Team Lichtschmiede e. V.