08. März 2026
Gespräche, die man auch mit Freunden führt
Allmählich können die dicken Jacken im Lager bleiben – auch, wenn es nachts noch ganz schön frisch ist. Mit deutlich über 0 Grad rückt die wärmere Jahreszeit näher, nach der wir alle uns sehnen.
Für die Menschen, die auf der Straße leben, bedeutet sie jedoch viel mehr als Wohlgefühl: Das Überleben wird wieder sicherer. Auf dem Weg nach Wuppertal schauen wir zunächst in Vohwinkel vorbei und treffen wieder die Dame an, die so gerne Saures mag und etwas zu trinken möchte. So in ihren Schlafsack eingemummelt lassen wir sie liegen und bringen ihr gerne das Gewünschte. Ich mag ihre piepsige Stimme, ihre freundliche Art und ihr strahlendes Lächeln sehr.
In Wuppertal fahren wir wieder auf der Suche nach einem weiteren 'Stammkunden' an der Stelle vorbei, an dem Olli so lange seinen Unterschlupf hatte. Wie Monika letztens schon schrieb: Sein Tod berührt uns immer noch.
Unser Bekannter hält sich an seinem Stammplatz auf, kommt uns sofort entgegen und erhält seine wenigen Wünsche erfüllt. Nicht nur Wünsche, sondern wir fragen auch oft nach – und tatsächlich kann er auf Andreas Frage Feuchttücher gut gebrauchen.
An einigen bekannten Stellen treffen wir Bekannte und Unbekannte und einzelne offensichtlich hilfsbedürftige Menschen, die wir auf Bürgersteigen entdecken. Andreas: 'Du hast jetzt einfach angehalten, hinter uns ist ein Auto!' – Hat er recht. 'Aber hinten drauf steht doch, dass wir helfen!' Und tatsächlich: Der PKW hinter uns wartet ohne zu hupen, bis ich so weit rechts ran gefahren bin, dass er vorbei kann. Glück gehabt.
Wie meistens ist der Hbf wieder die Hauptanlaufstelle für viele der obdach- und wohnungslosen Menschen. Zunächst hat Andreas ein eher nicht alltägliches Erlebnis: Kaum ausgestiegen öffnet ein junger Mann die hintere Wagentür. Er dachte, es sei sein Taxi. Die Verwechselung kann nur durch seinen Alkoholkonsum erklärt werden.
Ganz schnell ist der Wagen umringt von Bekannten und Unbekannten – es ist, als ob sie sich plötzlich vor unseren Augen materialisieren. Andreas und ich kommen kaum hinterher, wechseln uns ab mit Ausgabe von Essen, Trinken und Kleidung.
Ein ständiger Gast: Eine auffällig hibbelige Frau, die alle anderen ignoriert, sehr fordernd ist und die anderen Wartenden oft anblafft. Eine Stimme hinter mir: 'Schlimm, was Koks mit Menschen macht.' – Ich drehe mich um: 'Das ist einfach furchtbar!'
Die schüchterne Dame, die sehr auf sich achtet, immer nach Hygieneartikeln und auch nach Schuhen fragt, erklärt uns, dass sie das letzte Paar Schuhe nicht einfach hat stehen lassen, sondern dass derjenige, der darauf aufpassen sollte, mitsamt der Schuhe verschwunden sei. Es sei ihr wichtig, uns das mitzuteilen – kein Thema, wir glauben ihr, aber leider findet Andreas kein passendes Paar im Wagen.
Der sehr sympathische ältere Herr, immer gepflegt, gebildet, so gar nicht in Obdachlosigkeit zu vermuten, ist einer der Ersten, die eintreffen. Seine Lieblingsterrine ist aus, ich versuche es mit Nudeln in Chilisauce. Zögernd stimmt er zu. Später fragt er nach einer zweiten: 'Die sind wirklich gut, richtig scharf!' Ich liebe Chili ebenfalls und so tauschen wir uns über Gerichte und Zutaten aus – wir mögen beide kein Maggi, Andreas ist eher Team Maggi.
Mit einem anderen Herrn geht's um Pfefferminztee aus frischer Minze und wie er ihn früher zubereitet hat und wir sind uns einig: Die marokkanische Weise ist die beste. Gespräche, die man auch mit Freunden führt.
Auf der Rückfahrt reflektieren wir das Treffen mit diesen so unterschiedlichen Menschen – ein Treffen am Hauptbahnhof, nicht in einer Kneipe oder einem Restaurant. Ein Treffen mit Menschen, die für viele Menschen zweiter Klasse sind. Andreas nachdenklich: 'Es sind nicht unsere 'Freunde', aber man baut mit der Zeit wirklich eine Beziehung auf.' Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.
Zuhause schaue ich den sternenklaren Himmel – noch vor einigen Tagen stand dort der Vollmond, jetzt ist er weg. Aber das Käuzchen ruft wieder.
Passt gut auf euch auf
Andreas und Karin
von der Lichtschmiede e. V.