03. Mai 2026
Es ist nicht leicht, das mit anzusehen
Andreas hat die Süßwarenabteilung eines Supermarktes geplündert. Ein Kofferraum voller Haribo & Co. wartet aufs Ausräumen.
Ein kleiner Teil landet im Vereinswagen, weiteres wird aufgefüllt - Terrinen, Wasser, Duschgel, Deo, Schlafsäcke, Isomatten, Taschenlampen, Batterien, Socken, Unterwäsche und ein Beutel mit T-Shirts - dann starten wir Richtung Witten.
Am Hauptbahnhof suchen wir vergeblich unseren Bekannten, der sich noch vor einer Woche ohne seine vier Einkaufswagen hier niedergelassen hatte. Wir entdecken ihn ein Stück weiter – samt seiner Einkaufswagen.
Das Ausgeben am Vereinswagen ist dadurch für ihn und uns jedes Mal eine kleine Herausforderung.
Eine Passantin beobachtet uns, ich kann ihren Blick nicht deuten: Ist es Anerkennung oder Verachtung, dass wir helfen? Wir kennen beide Reaktionen.
Ich grüße freundlich und sie grüßt freundlich zurück, versichert uns, dass sie begrüßt, was wir tun. Ich bin erleichtert, verächtliche Reaktionen sind immer eine unschöne Erfahrung.
Unser Bekannter folgt uns zum Vereinswagen, er hat ein Tablett dabei – warum wundert uns das nicht? Ich bin gespannt, was wir zukünftig noch so alles aus seinen Einkaufswagen sehen werden!
Auf der Weiterfahrt treffen wir niemanden an, der unsere Unterstützung benötigt. Die junge schweigsame Frau sitzt auch nicht auf ihrer Bank und so fahren wir zu dem Treffpunkt, an dem wir mit einem hilfsbedürftigen Paar verabredet sind.
Neben Terrinen, Wasser und Süßigkeiten fehlt es an T-Shirts für den jungen Mann und jetzt gibt es ein Problem: M ist zu klein und nur M haben wir dabei. Natürlich gibt’s jetzt Sprüche und Gelächter!
Wir haben nun mal nur das zur Verfügung, was gespendet wird, von vielen wird das nicht verstanden. Bei diesen beiden ist es jedoch kein Problem.
Noch einige Stopps – u. a. treffen wir auf einen alten Bekannten, der seinen Stammplatz gewechselt hat – dann erreichen wir den Hauptbahnhof.
Schon auf den ersten Blick wird klar: Das wird drummelig. Und das wird’s dann auch.
Neben den üblichen Bekannten tauchen auch neue obdachlose Menschen auf, die Schlafsäcke und Isomatten benötigen sowie Unterwäsche und Hygieneartikel.
Von einem jungen Mann erfahren wir, dass ein uns gut Bekannter verstorben ist. Beide befanden sich auf dem Weg ins Gefängnis, als unser Bekannter plötzlich zuckte und nach Luft schnappte. Es ist wohl sehr schnell gegangen.
Puh – solche Nachrichten müssen sich erst mal setzen.
Wirklich tragisch ist es auch immer wieder, was Drogen aus den Menschen machen.
Eine uns ebenfalls gut bekannte Dame steht offensichtlich unter Drogen, rennt Unzusammenhängendes schreiend über den Platz, pöbelt und schimpft.
Wir kennen sie schon lange, sie und der jetzt Verstorbene waren lange ein Paar, seit einiger Zeit allerdings getrennt.
Sie kommt zu uns an den Wagen, wo einige unserer Gäste versuchen, sie zu vertreiben. Sie sind genervt, da sie wohl schon länger in diesem Zustand ist, aber bei uns erhalten alle etwas.
Andreas reicht ihr eine Terrine und einen Kaffee, sie stellt alles samt Jacke und Tasche ab und tobt erneut über den Platz.
Es ist nicht leicht, das mit anzusehen.
Irgendwann gibt es für uns nichts mehr zu tun, Andreas konnte die schreiende Dame überzeugen, sich um Terrine und Kaffee zu kümmern, die Heckklappe wird geschlossen und es geht Richtung Lager.
Am Busbahnhof sehen wir ein großes Polizeiaufgebot, wir hatten vorher schon laute Stimmen von dort gehört.
Noch eine Runde durch Gevelsberg und dann sind wir am Lager.
Es war viel los heute.
Passt gut auf euch auf sagen
Andreas und Karin
von der Lichtschmiede e. V.