13. März 2025

Schönheit liegt oft in den Kleinigkeiten

Susanne und ich schauten uns nur an, als wir uns im Lager trafen:
Wieder einmal gab es an dem Tag, an dem wir beide durch Hagen unterwegs waren, einen Temperatursturz bis unter den Gefrierpunkt. Wir mussten schmunzeln. Offensichtlich wollte jemand, dass wir frieren.

Für uns war aber auch klar:
Wenn wir frieren, dann unsere Schützlinge erst recht. Und was motiviert uns mehr als genau diese Tatsache?

Ich kümmerte mich im Lager um Essen und Getränke, während Susanne unsere Ausstattung winterfest machte:
Schlafsäcke, Decke, Schals, Mützen, Handschuhe und noch so vieles mehr. Und das war genau richtig, denn wir sind fast alles los geworden.

Wir unterhalten uns im Auto gerne darüber was uns am meisten berührt hat auf der jeweiligen Tour, was wir gelernt haben.

Heute standen zwei Dinge im Vordergrund.

Zum Einen wie unheimlich uns so mancher Schlafplatz erscheint. Das Leben auf der Straße ist gefährlich. Jeden einzelnen Tag. Die Rückzugsorte sind oft an heruntergekommenen abgelegenen Stellen, die für unsere Schützlinge genauso attraktiv scheinen wie für den einen oder anderen Drogendealer. Da kann man nur hoffen, man kommt sich nicht in die Quere.

Und es war an einer dieser abgelegenen Stellen dass wir auf einen Schlafplatz gestoßen sind, der in einem kleinen Verschlag regelrecht angelegt wurde. Wir wussten "hier schläft ein Mensch wie Du und ich". Es brach uns das Herz - und ich drücke selten auf die Tränendrüse - zu wissen dass jemand das "Zuhause" nennt. Ein Zuhause, dass ihn in Lebensgefahr bringt und dass er sich mit Ratten teilt. Und weil die Unantastbarkeit der Menschenwürde für uns bei der Lichtschmiede nicht nur eine Zeile in der Verfassung ist, tun wir alles, was wir können, um den Menschen, die so dermaßen von Armut betroffenen sind, zu zeigen, dass sie für uns zählen. Vom Straßenteam bis hin zu den Vereinsfreunden, die unsere Verwaltung koordinieren, das Auto in Schuss halten oder einkaufen gehen. Wir sehen das alle so und leben das alle so.

Und das andere Thema dieser Tour für Susanne und mich:
Es ist unfassbar wichtig, dass wir uns um die ganz pragmatischen Bedürfnisse der Leute kümmern. Essen, Getränke, Kleidung, Hygieneartikel.

Aber am meisten berührt hat uns gestern wie wichtig kleine Gesten sind.

Aufgrund der Kälte waren Schals und Mützen hoch im Kurs, aber es waren oft keine Hände mehr frei, weil die schon etwas zu essen und zu trinken hielten. Nachdem ich mich versichert hatte, dass das für die Personen ok war(!!!!!!!!!), hab ich zwei von ihnen einen Schal angelegt und eine Mütze aufgesetzt. Nichts, wirklich nichts, war so schön wie diese unfassbare Wärme, die ihr Lächeln anschließend hatte. Nicht nur wegen des Schals, sondern weil jemand sich die Mühe gemacht hat, sie warm einzumummeln. Weil sie Vertrauen hatten. Weil der Knoten, den ich in den Schal gemacht hatte, ausdrückte, dass wir möchten, dass es ihnen gut geht. Weil sie merkten, dass wir uns nicht von ihrer Situation abschrecken lassen, sondern sie sehen. Und keine Berührungsängste haben.

Und als wir dann fünf Minuten später ein "Die Mütze steht dir aber wirklich gut" rausgehauen haben (weil es stimmte), kehrte nochmals ein Funkeln in die Augen des jungen Mannes zurück. Susanne und ich mussten später im Auto schmunzeln und haben uns vorgenommen, öfter mal so ein "belangloses" Kompliment zu verteilen. Ganz ehrlich, wie gut tut es uns wenn jemand im Alltag mal was Nettes sagt, von "Deine Hose ist aber chic" bis zu "Schöne neue Frisur" oder "Das hast du aber schön hingekriegt". Das passiert unseren Schützlingen so gut wie NIE. Diese kleinen Momente, über die wir gar nicht nachdenken. Die uns zum Lächeln bringen und durch den Alltag begleiten. Daher gibt es jetzt öfter Komplimente.

Überhaupt liegt Schönheit oft in den Kleinigkeiten. Wir verteilen ja auch Süßes und das wird eigentlich immer gerne angenommen. Aber nun hatten wir eine Tasche voll gespendeter Schnuckertüten bekommen und was hat das Spaß gemacht, die zu verteilen. Nostalgie pur. Denn wenn unsere Lebensläufe uns vielleicht dahin gebracht haben, dass der eine auf der Straße schläft und der andere Schlafsäcke verteilt, eine Sache steht fest:
wir alle kennen die bunten Tüten von der Bude, die wir als Kinder so geliebt haben. Und manchmal sind die kleinsten gemeinsamen Nenner die schönsten.

Passt gut auf euch auf sagen

Kathrin und Susanne

vom Team Lichtschmiede e. V.