Wir fahren raus, um zu helfen, mit Worten und Taten.
Diese Nacht war vor allem, neben der Versorgung mit Essen und Trinken, Schlafsäcken usw. eine Nacht der Worte.
Ich hatte nicht nur einmal den Satz meiner Mutter im Ohr: "Setz' dich nicht auf die kalten Steine, du holst dir was".
Als Sabine, Björn und ich oft über Stunden hinweg auf der Straße saßen und uns mit den Menschen unterhielten, die auf dem Asphalt ihr Zuhause haben.
Es gibt eben kein zeitliches Limit auf solchen Wochenendtouren.
"Schön, dass man sich mal so lange unterhalten konnte", sagte eine Bekannte denn auch beim Abschied.
Sie hat viel im Tierschutz gearbeitet, viel Trauriges, aber auch Lustiges, Skurriles erlebt.
Von Beruf ist sie Tischlerin, die erste ausgebildete Tischlerin in einer Möbelfabrik, die heute nicht mehr existiert.
Und dann fand halt das Leben so statt, dass sie jetzt sagt: "Bin eben immer an die falschen Männer geraten".
Viele ihrer früheren Nachbarn und Freunde, würden jetzt neugierig an ihrem Platz vorbeigehen, um zu gucken, ob sie wirklich jetzt da "auf der Strasse liegt".
Aber sie wirkt nicht unglücklich, eher unglaublich geerdet.
Einer anderen Bekannten redeten wir sehr lange zu, den Plan, sich einer Therapie zu unterziehen auch wirklich umzusetzen.
Bei ihr sind wir aber relativ sicher, dass sie es macht.
Sie ist an dem Punkt angekommen, an dem es nur noch eine Richtung gibt.
Die letzten Ereignisse haben das gezeigt.
Und sie vertraut uns, weil wir auch immer da waren, als sie uns brauchte, und sei es nur zum Reden.
Das wichtigste für Menschen wie sie, die oft am Leben so verzweifeln, dass sie es wegwerfen möchten, sind Personen, die verlässlich sind.
Immer und bedingungslos.
An einer Straßenecke in der Innenstadt setzten wir uns zu alten Bekannten, mit denen Björn sich intensiv über gemeinsam Erlebtes austauschte.
Es ist für uns oft äußerst hilfreich, dass Björn ein Leben auf der Straße hinter sich hat.
Er ist für die Strassenmenschen eben "einer von uns", jemand, dem man nicht viel erklären muss.
Thema waren die gemeinsamen Bekannten, die schon nicht mehr da sind und das sind viele.
Sie sprachen über Beerdigungen, auf denen sie gemeinsam waren.
Für Kopfschütteln sorgte immer noch die Bestattung, die die eigenen Eltern eines früh verstorbenen Obdachlosen nicht bezahlen wollten.
Unendlicher Schriftverkehr, kein Erbarmen.
Erst nach Wochen in der Kühlkammer konnte er dann auf Kosten der Stadt beerdigt werden.
Eltern waren denn auch das Thema in einem anderen, sehr langen Gespräch.
Im Alter von drei Jahren hatte ihm sein Vater nach Schlägen im Alkoholrausch den Kiefer gebrochen.
"Unglücklich gestürzt" lautete die Angabe beim Arzt.
Die Schläge gingen weiter und dann irgendwann raus aus der Familie, Heimunterbringung.
Ja, er sei aggressiv und habe später so manche Straftat begangen.
Sich prügeln in der sogenannten 3. Halbzeit eines Spiels (Prügelei mit Hooligans) hatte er immer gerne mitgenommen.
Danach fühle man sich besser, wie befreit.
Jetzt sei er über 50 und habe keine Ambitionen mehr.
Sabine und ich haben Enkelkinder, Kleinkinder, die vertrauensvoll in die Zukunft blicken.
Sie werden geliebt und beschützt, damit sie stabile Wurzeln bilden.
Gewalt und Vernachlässigung in der Kindheit sind der wichtigste Auslöser für Straßenschiksale.
Altes Thema? Ja!
Leider aber so aktuell wie nie!
Also schaut bitte hin.
Wenn alle eine gesunde Kindheit haben, wird unser Verein im Wesentlichen nicht mehr gebraucht.
Das sollte das Ziel sein.
Sabine, Björn und Monika vom Team Lichtschmiede e. V.