20. Juni 2023

Sorgen macht man sich immer, wenn man so nah dran ist

Schon am Nachmittag ging es für Björn und mich los Getränke einkaufen. Es war mega heiß und wir wollten ausreichend Wasser und Eistee bei unserer Tour dabei haben. Bei den letzten Touren waren kalte Getränke auch schon sehr gefragt und so neigten sich unsere Vorräte dem Ende.
Als wir dann um 21 Uhr unsere Tour starteten, zeigte das Thermometer noch immer 29 Grad und es war schrecklich schwül. Unser erstes Ziel war ein Parkhaus, wo wir wissen, dass sich dort einige Straßenmenschen ihr Nachtlager aufbauen. Aber heute war keiner da. Sie werden wohl irgendwo draußen schlafen, in dieser heißen Nacht. Wir fuhren noch etwas in der Nähe des Parkhauses durch die Straßen, aber es war niemand zu sehen.
So ging es für uns weiter in den nächsten Stadtteil von Wuppertal. Erstmal zu einem Park. Es war viel los dort. Viele Menschen, die die abendliche Wärme nutzten, um sich mit Freunden zu treffen. Zu feiern und Spaß zu haben.
Von unseren Freunden der Straße allerdings auch dort keine Spur. Aber bei dem Trubel ziehen sie sich auch meistens noch zurück. Die Tage in der Stadt sind anstrengend genug ohne wirklichen Rückzugsort. So suchen sie dann wenigstens am Abend und in der Nacht die Ruhe. Wir fuhren weiter und steuerten andere uns bekannte Schlafplätze an.
Am nächsten Platz lagen zwar die Sachen, aber auch dort war niemand zu Hause. Mit dem Vorhaben, später noch einmal dort vorbei zu schauen, fuhren wir zu einem Platz, wo immer jemand unserer Freunde ist. Und so war es dann auch. Kaum waren wir ausgestiegen, kam schon ein uns lange bekannter Straßenmensch. Als erstes gab es etwas Kaltes zu trinken und während wir die Terrine zubereiteten, gesellte sich schon der Nächste dazu. Da sich die Straßenmenschen auch untereinander gut kennen und aufeinander achten, was ganz besonders wichtig ist, gab es gleich viel zu erzählen. Es ist so schön zu merken, wie uns vertraut wird. Uns Dinge erzählt werden, die eben ohne das Vertrauen nicht erzählt werden würden.
So erfuhren wir von den Plänen für das kommende Wochenende und teilten die Vorfreude. Wir hoffen, es wird so, wie unser Freund es sich vorstellt. Und wer Pläne hat, braucht dafür auch frische Anziehsachen. Also gab es noch T-Shirts, Unterhosen und Socken. Eigentlich kann dann nicht mehr viel schief gehen. Als die beiden sich, immer wieder bedankend, auf ihren Weg machten, sahen wir schon den nächsten unserer Freunde winkend auf uns zulaufen. Er ist noch nicht lange auf der Straße, achtet sehr auf sich und man sieht es ihm nicht an, dass die Straße sein Zuhause ist. Wir hoffen auch sehr, dass er schnell den Absprung schafft. Je länger man in diesem Kreislauf steckt, desto schwerer wird es, dort wieder raus zu kommen. Auch mit ihm unterhielten wir uns lange. Es gibt immer viel zu erzählen und das ist gut so.
Noch einige andere kamen auf dem Weg zu ihrem Nachtlager, ja es war nun schon Nacht, bei uns vorbei. Wir verteilten viele Getränke, Terrinen, Süßes und auch den ein oder anderen Kaffee. Als wir dort soweit alle versorgt hatten, fuhren wir weiter, parkten dann das Vereinsauto, um uns zu Fuß weiter auf den Weg zu dem nächsten Bekannten zu machen. Es war immer noch so heiß und der angekündigte Regen blieb aus. Als wir dann bei ihm ankamen, staunte er sehr, uns jetzt noch zu sehen. Er hatte gerade überlegt, woher er jetzt noch etwas zu trinken bekommen konnte. Seine Zunge würde schon am Gaumen kleben, sagte er. Also gab es erstmal Wasser und auch Eistee. Dann auch noch zwei Terrinen für den großen Hunger. Eine Taschenlampe wurde auch noch benötigt und so gab es die noch dazu. Auch er hatte viel zu erzählen. Er möchte nach Berlin. Dort findet ein Klassentreffen statt. Nun spart er für eine Fahrkarte. Ganz normale Wünsche, aber viel schwerer umzusetzen, wenn man keine Wohnung hat. Der Kampf um das Überleben auf der Straße lässt nicht viel Raum. Wir würden uns sehr freuen, wenn es klappt mit dem Klassentreffen.
Weiter ging es zum nächsten Schlafplatz. Dort werden wir immer mit großem "Hallo" empfangen. Nachdem wir die beiden Frauen mit Terrinen und anderem versorgt hatten, setzten wir uns dazu und hörten uns ihre Erlebnisse an. Auch zu lachen gab es einiges. Die Stimmung war gut und so fällt es uns leichter, sie dort wieder allein zu lassen. Auch wenn wir uns trotzdem natürlich Gedanken machen. Aber die macht man sich immer, wenn man so nah dran ist.
Danach suchten wir noch einen Freund. Wir vergewissern uns bei jeder Tour, wie es ihm geht. Oft ist sein Zustand kritisch. Heute aber ging es ihm gut. Er sieht selbst, er muss was machen. Sonst geht es nicht mehr lange gut mit ihm, sagt er. Das ist auch unsere Sorge. Er hat sich schon an entsprechende Stellen gewandt. Nun muss er Initiative zeigen. Wir hoffen so sehr, dass er diesen Weg gehen wird.
Wir schauten dann noch zu dem Schlafplatz, wo wir vorher niemanden angetroffen haben. Nun war auch dieser Bekannte eingetrudelt und auch ihn durften wir noch versorgen. Danach suchten wir noch zwei weitere Bekannte an ihren Schlafstellen auf. Obwohl es nun schon 2 Uhr war, schliefen sie noch nicht. Die Hitze setzt uns allen zu und den Straßenmenschen noch mehr.
Mit einem nun viel leereren Auto fuhren wir zurück nach Gevelsberg. Es war eine entspannte Nacht mit vielen guten Gesprächen und wir waren froh, bei denen gewesen zu sein, die unsere Hilfe und Freundschaft so dringend brauchen.
Passt gut auf euch auf, Björn und Sabine vom Team Lichtschmiede e. V.