27. Mai 2026
Dieses Mal ist für mich die Grenze überschritten
Als ich am Lager eintreffe, hat Frank bereits einiges im Vereinswagen aufgefüllt – so auch fünf Kannen mit kochendem Wasser. Reichen nicht vielleicht vier? Später mehr dazu.
Erster Halt: Frank hat eine Idee, wo wir obdachlose Menschen antreffen könnten. Diesen Ort fahren wir nun an - es hält sich aber niemand dort auf.
Nächster Halt: Vohwinkel – und ja, die Saures liebende Dame ist da und putzt ihre Schlafbank. Sie trägt ein buntes weites Kleid und mit ihren zusammengetüddelten Haaren auf dem Kopf macht sie einen fast jugendlichen Eindruck! Ich mache ihr Komplimente und Frank bestätigt, dass man sie kaum wiedererkennt, ohne dicke Jacke und Kapuze auf dem Kopf. Sie strahlt und die Zahnlücken offenbaren die Wirklichkeit: Das Leben auf der Straße.
Auf einer benachbarten Bank liegt ein Herr, der ebenfalls einige wenige Wünsche hat. Beide werden versorgt, wir verabschieden uns und fahren weiter.
Nächster Halt: Ein uns bekannter Ort, der Bewohner ist anwesend und sieht gut aus. Die Kleidung ist sauber, die Haare zu einem Zöpfchen gebunden. Es tut immer so gut zu sehen, dass sie auf sich achten, ihre Würde bewahren. Auch mit diesem Herrn gibt es einiges zu lachen und wir fahren mit einem guten Gefühl weiter.
Nächster Halt: Fußgängerzone. Die Wärme zieht die Menschen nach draußen, flanieren, sehen und gesehen werden, sich treffen, fotografieren und posten, essen und trinken sind wieder draußen möglich. Dazwischen sind die, die auf die Großzügigkeit der fröhlichen, geselligen Passanten und ein paar Cent hoffen. Die, die uns kennen, winken von weitem und steuern eilig unseren Wagen an, die wenigen, die uns nicht kennen, sprechen wir an.
Was uns sehr freut: Der jungen Frau, die mit ihrem Ex-Partner und den „blinkenden Fahrrädern“ unterwegs war, geht es nach der Trennung immer besser. Sie trinkt nicht mehr so viel, sie hat mehr Geld zur Verfügung, sie schaut nach vorne!
Wir dürfen noch weitere Menschen versorgen, doch dann finden die Wohlfühlgedanken ein jähes Ende.
Wir haben schon mal von der aggressiven Dame berichtet, die – ein Mal in Rage geredet – nicht zu bremsen ist. Dieses Mal ist für mich die Grenze überschritten.
Sie hat eine Terrine und einen Kaffee erhalten, einen Schlafsack bekommt sie nicht mehr. Wir haben ihr bereits mehrere gegeben, die lässt sie einfach liegen und fordert beim nächsten Treffen mit uns einen neuen. Sie beschimpft uns und als wir weiterfahren wollen, schreit sie mich an: "Du F...e bist auch nur auf Geld aus!"
Zum Glück ist sie ein ABSOLUTER Einzelfall!
Nächster Halt: Hauptbahnhof - und jetzt kehrt das Wohlgefühl in Form unseres netten Stammkunden sofort zurück. Er weist uns ein wie ein Lotse einen Flieger, großes Hallo, herzliche Begrüßung – alles beim Alten.
Und dann stellt sich heraus, dass Frank mit fünf Kannen Heißwasser nicht nur recht hatte, sondern dass wir noch nicht mal damit auskommen. Er geht los, noch zwei Kannen Wasser organisieren. In der Zwischenzeit teile ich Haribo & Co. sowie Wasser, Hygieneartikel, Unterwäsche und T-Shirts aus.
Einige unserer Gäste setzen sich direkt neben unserem Wagen in einem Kreis zusammen, lachen, essen, trinken, reden. Ich muss lachen: "Was ist das denn – ein Sit-in?"
Frank: "Wir haben mal eben einen Stuhlkreis gegründet – ohne Stühle." Geht ans Herz.
1 ½ Kannen verbrauchen wir noch, dann ist irgendwann tatsächlich Ruhe, der stuhllose Stuhlkreis hat sich aufgelöst, die Heckklappe wird geschlossen und wir fahren zurück zum Lager.
Der Wagen ist leer, die Köpfe voll mit Gedanken.
Passt gut auf euch auf sagen
Frank und Karin
von der Lichtschmiede e. V.