20. Juni 2026

Ausnahmezustand

Wir hatten einen Plan für diesen Tourabend: Möglichst noch vor Spielende der Begegnung Deutschland - Elfenbeinküste die City verlassen.

Wir fuhren die bekannten Anlaufstellen an und die Anfrage des Abends war: Wasser. Bei der Hitze nachvollziehbar.

Ein Bekannter nahm seine Flasche und goss sie sich über Kopf, Arme und Beine. Den Rest trank er gierig aus. Kleiner Ersatz eben für die kalte Dusche, die für uns so selbstverständlich ist.

Zwischendurch teilten sie uns immer ungefragt den Spielstand mit.

Ein alter Bekannter stand plötzlich vor uns und wir mussten zweimal hingucken: Deutschlandfahne umgehängt und einen "Puschel" auf dem Kopf in den Nationalfarben. Irgendwie witzig und auch beruhigend, dass es Ereignisse gibt, die ablenken vom harten Leben auf der Straße. Einfach nur begeistern.

Am Bahnhof war viel Andrang, aber auch viel Höflichkeit. Jeder Satz begann mit: "Könnte ich bitte", "Klar, gerne". Wasser, Kaffee, Hygieneartikel, Süßes, Unterhosen, Feuchttücher - Standard.

Auf unserer Fahrt durch die Straßen der Innenstadt hielten wir immer wieder an.

Ein Straßenmensch war auf dem Weg ins Krankenhaus. Sein Bein war verletzt und inzwischen angeschwollen und dunkelblau. Höchste Zeit also. Wir konnten ihn für den Aufenthalt ausstatten und hoffen, ihn dann irgendwann gesund wiederzusehen.

Kurt vor Mitternacht wollten wir dann unserem Plan folgen.

Aber auf dem Weg zur Bundesstraße trafen wir noch einen Bekannten, der alles brauchte, unter anderem auch ein Zelt. Wir versorgten ihn mit dem Notwendigen und dachten nur: Schade. Vor einiger Zeit hatte er sein Leben wieder im Griff. Er war clean und wollte weg von der Straße. Jetzt ist er zurück.

Es macht traurig zu sehen, wie nah Hoffnung und Rückschlag manchmal beieinanderliegen.

Und dann steckten wir eben mitten drin, in dem Autokorso aus feiernden Fans. Kein vor und kein zurück. Menschen auf Autodächern mit Deutschlandfahnen, Feuerwerk, Motorräder, Roller, die links und rechts überholten... Und Dauerhupen. Ausnahmezustand.

Irgendwann hatten wir es dann aber geschafft.

Passt gut auf euch auf.

Sabine und Monika
vom Team Lichtschmiede e. V.