14. Juni 2026

Jeder Mensch braucht etwas anderes

Andreas ist bereits am Lager und die Wasserkocher kochen. Auffüllen müssen wir so ziemlich alles: Terrinen, Wasser, Süßes, Hygieneartikel, Isomatten, Schlafsäcke, T-Shirt, Schuhe. Kontrolliert wird eh alles, kurz noch mal checken, ob wir was vergessen haben und dann los.

In Witten suchen wir den "Herrn der Einkaufswagen" vergeblich – wirklich weit weg kann er eher nicht sein, hoffentlich geht es ihm gut.

Wir finden jedoch einen Bekannten an seinem angestammten Platz, dem wir helfen dürfen. Er ist immer ausgesprochen höflich, bescheiden, zurückhaltend. Andreas kennt ihn schon länger, sagt, dass er sehr abgebaut hat.

Auch das gehört dazu: So sehr wir uns freuen, wenn wir Bekannte nach langer Zeit wiedersehen – oft ist aber auch deutlich erkennbar, dass das Leben auf der Straße seinen Tribut fordert. Das ist schwer auszuhalten, gleichzeitig gibt es immer wieder mal Fälle, dass Menschen mit Hilfe der Lichtschmiede e. V. eine Wohnung finden und wir die Rückmeldung erhalten, dass sie offenbar dauerhaft den Absprung von der Straße geschafft haben.

In Herdecke suchen wir die neue alte Bekannte leider vergeblich.

In Hagen sind wir mit einem Bekannten verabredet, der immer mit zwei Kumpel auftaucht. Auch diese drei sind immer sehr höflich, dankbar – und unser Bekannter ist jedes Mal felsenfest davon überzeugt, dass wir Engel sind, davon ist er absolut nicht abzubringen.

Wir fahren noch einige bekannte Stellen ab, treffen jedoch niemanden an.

Vorletzter Halt: Fußgängerzone. Schon von Weitem sehen wir drei Bekannte, die öfter zu dritt unterwegs sind. Freudige Begrüßung und Äußerung von Wünschen, die Andreas freundlich, jedoch klar und deutlich kommentiert. Wir wissen, dass sie schon öfter Schlafsäcke und Isomatten erhalten haben und Andreas fragt danach. Die Antworten kennen wir: "Geklaut."

Andreas erklärt, warum wir nicht immer wieder erneut Schlafsäcke und Isomatten herausgeben können, dass wir auf Spendengelder angewiesen sind und dass sie bitte auf ihre Sachen aufpassen sollen. Die Antwort kennen wir auch: "Mal eben kurz weg… geklaut… können nicht immer alles mitnehmen…" Es gibt auch einige obdachlose Menschen, die entweder Trolleys oder große Rucksäcke haben, die sie tatsächlich mit sich führen, auch mal in einem Schließfach am Bahnhof aufbewahren oder verstecken. Andreas gibt noch mal das Gewünschte aus, wir erhalten das Versprechen, aufzupassen, aber ob das klappt?

Letzter Halt: Hauptbahnhof.

Bereits auf dem Weg dorthin sehen wir ein großes Aufgebot von Polizei und Einsatzwagen, hupende PKW, Fahnen werden geschwenkt und lautes, begeistertes Johlen: Deutschland hat 7:1 gegen Curaçao gewonnen. Die Stimmung ist ausgelassen, in keiner Weise bedrohlich.

Offenbar werden wir am Bahnhof bereits erwartet, schnell ist der Vereinswagen umringt und unaufhörlich kommen Neue hinzu. Von allen Seiten werden Wünsche geäußert, manches Mal klingt es eher nach einer Forderung. Andreas spricht ein Machtwort: Alle auf eine Seite und in halbwegs geregelter Reihenfolge, anders ist der Andrang nicht zu meistern.
Funktioniert.

Wieder fallen zwei Herren angenehm auf: Beide sehr höflich, unterstützen uns, wenn jemand zu nervig wird.

Ich habe jedes Mal Probleme damit: Warum sind sie auf der Straße?

Eine junge Frau, die wir länger kennen, ist ebenfalls immer sehr höflich und zurückhaltend. Verlegen fragt sie mich nach einigen Hygieneartikel und Unterwäsche.

Es gibt ein nettes Missverständnis mit einer Dame, obwohl sie sehr gut Deutsch spricht. Sie fragt nach "3 in 1" und da wir gerade bei der Ausgabe von Kaffee sind, sagt Andreas: "Wir haben nur noch 2 in 1 – aber extra Zucker." Verwirrter Blick. Ich erkläre, dass sie extra Zucker zum Kaffee mit Milchpulver bekommen kann. Wieder verwirrter Blick.

Plötzlich erhellt sich ihr Gesicht: "Nein! Dusche!" Alles klar: Shampoo, Duschcreme, Pflege - 3 in 1.

Das heiße Wasser reicht nicht, ich besorge eine Kanne voll im Kiosk.

Viel können wir eh nicht mehr ausgeben, noch ca. 3 Terrinen sind übrig, die Süßigkeitenbox ist ebenfalls so gut wie leer.

Zeit, die Heckklappe zu schließen und die Tour zu beenden.

Passt gut auf euch auf!

Andreas und Karin
von der Lichtschmiede e. V.