07. Juni 2026
Zum ersten Mal eine Sekunde lang bewusst angesehen
Am Lager wieder die Standardfrage: Wie viele Kannen heißes Wasser nehmen wir mit?
Wir sind uns schnell einig: vier sollten reichen, Probleme, unterwegs Nachschub zu erhalten, gab’s noch nie. Egal ob Kioske an Hauptbahnhöfen, Tankstellen oder sogar in der Fußgängerzone in Wuppertal in einem Hotel: Kannen werden immer bereitwillig aufgefüllt – ein Zeichen der Wertschätzung unseres Engagements.
In Witten treffen wir wieder den Hüter der Einkaufswagen – er kommt uns bereits auf Socken entgegen. Der große Zeh lugt aus einem Loch hervor und auf meine Frage, ob er nicht vielleicht neue Socken brauche, antwortet er, nö – morgen holt er sich neue. Auf Gudruns Frage: "Nudeln oder Kartoffelpüree?" erhält sie, mit einem verschmitzten Grinsen, seine Standardantwort: "Wieso 'oder'?" Er deponiert das, was er von uns erhalten hat, an seinem Schlafplatz. Als wir weiterfahren, sehen wir ihn - immer noch auf Socken - über die Straße gehen. Wo will er hin? Das weiß nur er.
Ein weiterer Bekannter, der nie etwas möchte, überrascht uns mit seinem Wunsch nach Getränken.
Es gibt einige wenige obdachlose Menschen, die nie Wünsche äußern – wir fragen trotzdem nach und manchmal benötigen sie halt doch etwas. Dann sind wir froh, dass wir helfen dürfen.
In Hagen sind wir mit einem Bekannten verabredet, der sich telefonisch gemeldet und um Unterstützung gebeten hatte. Er wird versorgt und wir machen noch einen Abstecher zu der schweigsamen Dame auf ihrer Bank. Sie ist tatsächlich da, die üblichen Bierflaschen neben sich, im üblichen Schneidersitz auf der Bank sitzend. Ich begrüße sie und sage, dass sie uns ja kennt. Da schaut sie zum ersten Mal auf und sieht mich direkt an – um sofort wieder ins Leere zu blicken. Ich biete ihr wie immer etwas zu essen und zu trinken an, dass sie gerne sagen kann, wenn sie etwas möchte. Aber wie immer keine Reaktion. Wir verabschieden uns und fahren weiter.
Auf der Weiterfahrt sprechen wir über ein wichtiges Thema in unserem Ehrenamt: Mitleid, aber nicht mitleiden, professionelle Distanz, Selbstschutz. Für mich ein Thema, mit dem ich mich immer wieder aufs Neue auseinandersetzen muss.
In der Fußgängerzone sehen wir zwei Bekannte. Große Freude über unser Auftauchen und sofort werden Wünsche geäußert. In einem Gefühl überbordender Dankbarkeit möchte mich der eine Herr umarmen – trockener Kommentar des anderen: "Das machen die nicht." Nee, das machen wir auch nicht.
Am Hauptbahnhof warten bereits etliche unserer Bekannten auf uns, schnell kommen weitere und auch für uns neue Obdachlose hinzu. Eine Terrine nach der anderen wird weiter gereicht, sowie Getränke, Süßes, Hygieneartikel, Socken und T-Shirts. Auch mit einem Paar Schuhe können wir einem Herrn helfen, Schlafsäcke und Isomatten werden ebenfalls benötigt.
Wieder erfahren wir Geschichten, die betroffen machen und die zeigen, dass unsere Möglichkeiten zu helfen beschränkt sind.
Das ist es wieder, dieses Mantra: Wir können die Welt nicht retten. Jeder kann ein wenig dazu betragen, das Leben der obdachlosen Menschen etwas erträglicher zu machen.
Oft halten sie sich tagsüber an Lebensmittelläden oder Bäckereien auf. Wer kein Geld geben möchte, kann fragen, ob sie etwas aus dem Geschäft benötigen. Lieber fragen, als ungefragt das fünfte belegte Brötchen anzubieten.
Gudrun fragt mich, ob ich nach einer Tour sofort einschlafen kann. Nein. Zuhause gehe ich die Nacht noch mal durch.
Für mich war heute das Bemerkenswerteste, dass die schweigsame Dame mich zum ersten Mal eine Sekunde lang bewusst angesehen hat.
Passt gut auf euch auf sagen
Gudrun und Karin
von der Lichtschmiede e. V.