22. Mai 2025
Wir dürfen sie nicht fallen lassen
Nach einer kleinen Pause – Urlaubszeit, ein paar gesundheitliche Ausfälle – waren Susanne und ich überglücklich, endlich wieder auf Tour zu gehen. Die Freude war spürbar, fast elektrisch, als wir das Auto beluden, kurz die Route durchsprachen und uns für Hagen und Hohenlimburg entschieden.
In Hohenlimburg gibt es einen Ort, den wir seit Monaten im Blick haben. Einen vermuteten Schlafplatz. Zehn Mal waren wir dort – vergeblich. Kein Mensch weit und breit. Und doch sind wir immer wieder hingefahren.
Manchmal fragten wir uns: Ist das naiv? Zu idealistisch? Verbrauchen wir Ressourcen, die anderswo vielleicht sinnvoller wären? Aber so denkt die Lichtschmiede nicht.
Wir sind alle ein bisschen vom Wahnsinn geküsst – im besten Sinne. Weil wir wissen, was es bedeutet, wenn man jemanden zum ersten Mal erreicht.
Und dieses Mal war es so weit: Ein junger Mann, scheu wie ein Reh, saß dort. Wir waren so voller Freude, dass wir beinahe selbst nicht wussten, wohin mit uns. Aber wir drängten nicht.
Wir blieben am Auto, sprachen ihn ruhig an, erklärten, wer wir sind. Erst war da Misstrauen – vielleicht hielt er uns für das Ordnungsamt. Doch dann kam der Satz, der fast immer etwas löst: "Haben Sie Lust auf eine warme Mahlzeit? Wir haben Essen und Trinken dabei." Das Eis brach.
Aus einer heißen Suppe und einem Getränk wurden Socken, Hygieneartikel – und das stille Versprechen: "Ich freu mich, wenn ihr wiederkommt."
Als wir wieder im Auto saßen, kreischten Susanne und ich vor Freude wie zwei aufgescheuchte Hühner. Zehn Anläufe – und jetzt war da eine Tür aufgegangen.
Dank großzügiger Spenden konnten wir dann noch tanken – ein kurzer Boxenstopp, bevor es weiter zu entlegeneren Plätzen ging. Wir trafen zwei Menschen auf der Straße. Der eine wollte einfach nur in Ruhe lesen. Und wir respektierten das. Denn auch das gehört zu unserem Verständnis: Jeder Mensch hat das Recht, von uns in Ruhe gelassen zu werden.
Beim nächsten Halt – an einer Bushaltestelle – saß eine ältere Frau, eindeutig obdachlos. Noch bevor wir sie ansprechen konnten, wurden wir zurückgehalten: "Lassen Sie das lieber, die ist aggressiv!", hieß es. Sie habe sich kürzlich gegen den Rettungsdienst gewehrt. Was war passiert?
Ein junger Mensch hatte sich gesorgt und einen RTW gerufen. Doch drei Uniformierte, die sich nähern, können für jemanden mit psychischer Belastung wie ein Übergriff wirken. Panik, Trauma, alte Wunden – das wird nicht sichtbar, aber es ist da. Der Rettungsdienst ging wieder.
Zurück blieb das Urteil der Umstehenden: "Mit der will niemand was zu tun haben."
Wir schon.
Wir sprachen sie an – vorsichtig, warm. Sie freute sich über eine warme Mahlzeit, ein Getränk und einen neuen Schlafsack. Und dann, der schönste Moment des Tages: Als ich eine kleine Tüte Weingummi aus meiner Manteltasche holte, huschte über ihr Gesicht das Lächeln eines Kindes.
Für einen Augenblick war da nicht die Frau, die kämpft, friert, misstraut – sondern ein kleines Mädchen, das eine Handvoll Bonbons bekommt. Das soll nicht heißen, man solle für solche Menschen keine Hilfe holen. Die kann manchmal lebensrettend sein. Aber wenn diese Menschen dann nicht so reagieren wie wir uns das vorstellen, dürfen wir sie nicht fallen lassen. Dann müssen wir dran bleiben.
Am Ende unserer Tour fuhren wir noch weitere bekannte Stellen an. Unsere Vorräte flogen nur so aus dem Auto – an alte Bekannte, neue Gesichter, stille Gespräche und ganz viel spürbare Erleichterung.
Wir kamen mit leerem Kofferraum zurück – und einem vollen Herzen. Weil wir wissen: Unsere Hilfe kommt an.
Und manchmal ist es das zehnte Mal, das alles verändert.
Passt gut auf euch auf sagen
Kathrin und Susanne
vom Team Lichtschmiede e. V.