16. Juli 2023

Es ist seine Art der Verdrängung und wir hörten geduldig zu

Auf unseren Touren hören wir immer sehr viele Geschichten: Lebensgeschichten, erlebte Geschichten, erfundene Geschichten.
Auch auf dieser langen Tour bis in die Nacht war die Straße voller Geschichten und wir hatten Zeit, sie anzuhören. Bei unserem ersten Stopp trafen wir uns mit zwei jungen Frauen in einem Park. Eine der beiden hatte an diesem Tag eine Wohnung besichtigt, war guter Dinge und erzählte euphorisch von ihren Einrichtungsplänen. Wir drücken die Daumen, dass es klappt mit dem Dach über dem Kopf.
Ihre hochschwangere Freundin wohnt derzeit in einer Obdachlosenunterkunft und bekommt wohl nach der Geburt einen Mutter-Kind Platz in einer sozialen Einrichtung. Obdachlos und schwanger - Chance oder Katastrophe? Das hängt ganz stark davon ab, wie die Mutter ihr weiteres Leben in den Griff bekommt. In ihrem Fall sind wir zuversichtlich, denn sie ist sich ihrer Verantwortung wohl bewusst. Nein, sie wolle jetzt erst einmal ihr Leben alleine regeln, sich auf das Kind konzentrieren und nicht gleich zu ihrem neuen Freund ziehen. Guter Ansatz für die gemeinsame Lebensgeschichte von Mutter und Kind.
Auf unserem weiteren Weg trafen wir zwei alte Bekannte, Mann und Frau, die seit kurzer Zeit ein Paar sind und nun zusammen ihren Platz auf der Straße bewohnen. Beide waren gut gelaunt und unser männlicher Bekannter machte äußerlich fast schon einen gepflegten Eindruck. So kannten wir ihn bisher nicht. Er wünschte sich dringend Waschlappen und Handtücher. Wir werden uns drum kümmern. Die neue Zweisamkeit tut beiden gut. Auch eine schöne Geschichte, die hoffentlich lange währt.
Bei unserem Stopp auf einem großen Platz erzählte uns ein Bekannter unglaubliche Geschichten, die wir natürlich nicht hinterfragten. Unsere Aufgabe war ausschließlich das Zuhören. Er baut sich seine eigene Welt mit einer schillernden Vergangenheit und einer ebensolchen Zukunft. Es ist seine Art der Verdrängung und wir hörten geduldig zu. Zwischen all den anderen Menschen, die wir versorgten, stand er unermüdlich hinter uns und erzählte Erfolgsgeschichten. Aber sein Gepäck: die Plastiktüten, der Schlafsack und die Isomatte neben ihm verwiesen nur allzu deutlich auf die traurige Realität.
Ein junger Mann, neu auf der Straße, konnte es nicht fassen, dass wir ihn direkt mit Schlafsack und Isomatte versorgen konnten: "Ihr rettet mich gerade". Zufällig erfuhren wir später, dass er der Jugendfreund eines Teamkollegen ist. Was hat ihn auf die Straße gebracht? Vielleicht erzählt er uns irgendwann seine Geschichte.
Sabine und Monika, vom Team Lichtschmiede e. V.