11. August 2023
Sie ist unendlich stolz auf ihr Zuhause
Sie sitzt 24 Stunden am Tag in einer belebten Einkaufsstraße in Wuppertal und beobachtet das Leben.
Seit sehr langer Zeit obdachlos, immer gut gekleidet und entspannt "thront" sie in ihrem Sessel, beobachtet, hört zu und äußert sich niemals wertend.
Respekt allen gegenüber.
Es sind so viele Beobachtungen und Begegnungen:
- Passanten, die vorübergehen und sie keines Blickes würdigen
- Menschen, die stehenbleiben und etwas in die Schale werfen, ihr Kleidung oder eine Pizza bringen
- Menschen, die vor ihren Augen harte Drogen konsumieren
- Menschliche Kontakte, die sich anbahnen
- Angestellte der Restaurants gegenüber, die scheinbar keinen Feierabend haben
- Menschen auf der Flucht vor der Polizei
- Menschen, die ihre schweren Einkaufstaschen kaum tragen können
- Solche, die ausgerechnet sie um einen Euro bitten, weil sie nichts haben
- Und die, die sich neben ihr niederlassen und erzählen
Ein kleiner Kosmos auf der Straße.
Sie erzählt uns immer gerne bei einem Kaffee, den wir in ihrer Thermoskanne zubereiten, ihre "Straßengeschichten".
"Ich habe in meinem langen Leben schon so viel erlebt. Mir ist nichts fremd."
Wir kennen sie nur sitzend, in einem Campingsessel, das Gepäck ordentlich unter einem aufgespannten Regenschirm verstaut.
Als sie plötzlich aufsteht und uns die Thermoskanne ans Auto bringt, sind wir im ersten Moment völlig perplex, als wäre vor unseren Augen ein Wunder geschehen.
Aber klar, sie muss ja auch aktiv ihr Leben meistern und nicht nur das Leben anderer aufsaugen!
Auf unserer Tour treffen wir auch auf viele Bekannte, die unterwegs sind.
Sie fallen nicht besonders auf zwischen all den Menschen, die an diesem lauen Sommerabend die Plätze und Straßen füllen.
Höchstens dadurch, dass sie Hunger haben.
Schon bei den letzten Touren stellten wir fest, dass die Nachfrage nach einer warmen Mahlzeit zugenommen hat und nicht nur, weil die Zahl der Obdachlosen stetig zunimmt.
Auch viele, die wir schon lange kennen, fragen ungewohnt oft nach einer zweiten Terrine, weil das die erste richtige Mahlzeit des Tages ist.
Am Ende der Tour wie so oft: Oh, Schreck... Foto für den Bericht vergessen.
"Wollt ihr nicht mal mein Sofa fotografieren?", fragte uns prompt unsere Bekannte bei unserem letzten Stopp.
Sie ist unendlich stolz auf ihr Zuhause, denn es ist schon so viel mehr, als andere in ihrer Situation haben.
Wir nahmen das Angebot an, zeigten ihr das Ergebnis und sie lachte über das fotografierte "Chaos" und ihren Hund, der darauf aufpasst.
Es gibt immer wieder "Straßenmenschen", die uns sehr offen und bereitwillig anbieten, mal ein Foto von ihnen oder ihrer Bleibe zu machen.
Wir zeigen es ihnen dann immer und sie freuen sich.
Sie leben nicht in dieser Facebook-Instagram-Status-Selfie-Video-Welt, niemand interessiert sich normalerweise für sie.
Wir sind da aber grundsätzlich sehr zurückhaltend und bitten immer um Zustimmung für ein Foto bzw. Personenfoto und das wird dann im Bericht so verpixelt, dass man das Gesicht nicht erkennt.
Aber schon mehrmals war die Enttäuschung dann groß.
Das muss man auch respektieren und wir denken über diesen Wunsch einiger nach.
Wir verfahren so mit unseren Freunden auf der Straße wie mit anderen Freunden auch: Wir nehmen sie mit.
Genießt EUER Zuhause und passt auf euch auf.
Sabine und Monika vom Team Lichtschmide e. V.