11. Juni 2023

Zwei Menschen, die mitten im Leben stehen - ausgeknockt aus unterschiedlichen Gründen

Es war noch unglaublich warm, als wir an diesem Abend nach Wuppertal fuhren.
Becci und ich holten Sabine in Vohwinkel ab. Sie hatte gekühlte Getränke im Keller gelagert, die wir in unsere Kühlbox packten. Trinken ist ja so wichtig bei diesen Temperaturen.
Mitten in der Stadt lehnte eine junge, uns bekannte Frau an der Wand vor einer Bank. Es ist ihr Stammplatz. Sie haben alle ihre Stammplätze tagsüber. Dort, wo viele Menschen vorbeikommen und etwas in ihren Becher werfen könnten. Sie war so unendlich traurig. War gerade ihrem Exfreund begegnet. Nur kurzes Gespräch, dann war er weitergegangen. Erst vor vier Wochen hatte er sie verlassen, nachdem sie beide sich so gut gefangen hatten. Er war jetzt ein Jahr clean und sie auf einem guten Weg. Alles war gut. Und dann eben: persönliche Katastrophe. Hatte es nicht verkraftet, Rückfall, wieder auf der Platte.
Es ist in solchen Fällen schwierig, wertvolle Tipps zu geben. Liebeskummer eben. Sie allein muss da nun raus, für sich allein kämpfen, vergessen und sich neue Aufgaben suchen, möglichst an einem neuen Ort, in einer anderen Stadt. Wir sprachen sehr lange mit ihr, saßen ihr auf dem Boden gegenüber und versuchten ihr einen Weg aufzuzeigen. Vielleicht... Aber: Für eine Veränderung braucht es Kraft und Energie. Drogen, genommen, um der Realität zu entfliehen, fressen diese Antriebe auf. Ein Kreislauf, in dem die Spirale immer weiter nach unten geht.
In einem Parkhaus trafen wir einen alten Bekannten. Wie können wir ihm helfen? Er bekam den gewünschten Pullover von uns, die Terrine, den Tee. Aber sein eigentliches Problem schilderte er uns in einem sehr langen Gespräch. Er lebt seit 20 Jahren in Deutschland, hat immer gearbeitet, ohne Sozialversicherung und ohne Vertrag. Von Beruf ist er Schlosser, hatte viele Bewerbungen auf entsprechende Angebote geschrieben, irgendwie, denn die Sprache ist ein Problem. Nie eine Antwort bekommen. Aber es taten sich dann immer andere Aushilfsjobs auf. Zuletzt hatte er Fenster und Türen auf dem Bau eingebaut. Und dann kam so ein Fenster von oben runter, weil die Kollegen nicht aufgepasst hatten, und hatte ihm die Schulter zertrümmert. Jetzt kann er den Arm kaum noch benutzen und an körperliche Arbeit ist nicht zu denken. Der Ausweis war ihm auch gestohlen worden.
Da greift das soziale System dann nicht. Aber er will nach Köln ins polnische Konsulat, um sich neue Papiere zu besorgen und dann evtl. Sozialhilfe beantragen. Immer und immer begegnen uns diese Schicksale. Es ist verlockend 40 € pro Stunde auf die Hand zu bekommen und der Arbeitgeber freut sich besonders, aus ähnlichen Gründen. Aber, wenn irgendwas dazwischen kommt, landen sie auf der Straße, ohne irgendwo Ansprüche stellen zu können. Papiere sind in vielen Fällen nicht mehr vorhanden... verloren, gestohlen.
Wir trafen, trotz der relativ frühen Zeit, viele obdachlose Menschen, die wir versorgen konnten. Diese beiden Schicksale haben uns aber besonders beschäftigt an diesem Abend. Im Auto denken wir immer gemeinsam drüber nach, wie wir helfen könnten. Sie müssen an die Hand genommen werden. Zwei Menschen, die mitten im Leben stehen... ausgeknockt aus unterschiedlichen Gründen.
Passt gut auf euch auf.
Becci, Sabine und Monika vom Team Lichtschmiede e. V.