07. Juni 2023

Die Wohnung war nicht sein Ding, denn sie hatte einen Impfknick

Heute war es eine Premiere, dass Sabine und ich zusammen rausfuhren.
Als Sabine mich in Langerfeld mit dem Vereinsauto einsammelte, wusste ich sofort, die Chemie stimmt. Denn auf unseren Touren, auf denen man lange gemeinsam im Auto sitzt und Hand in Hand arbeiten muss, ist es wichtig, dass man "sich riechen" kann. Hier muss ich kurz anmerken, dass ich meine heutige Knofifahne bei Sabine extra vor der Tour angemeldet habe.
Entlang der Talsohle bis nach Vohwinkel schauten wir an einigen bekannten Plätzen vorbei, trafen aber niemanden an. Zurück in Elberfeld fuhren wir an den Hauptbahnhof. Auch hier waren heute nur wenige Menschen, die wir mit etwas zu trinken und zu essen beglücken konnten. Eine ältere Dame, die wir schon häufiger angetroffen haben, stimmte mich an diesem Abend nachdenklich. Sie hat wahnsinnige Angst, vergiftet zu werden. So erzählte sie mir z.B. dass auch Sachen, die sie von uns in der Vergangenheit bekommen hat, beim Auspacken zu Hause plötzlich geöffnet waren oder sich kleine Löcher in Deckeln befunden haben. Sie war überzeugt davon, dass ihr jemand die Sachen auf dem Heimweg in ihrer Tasche ausgetauscht hat.
Nun, wie reagiert man auf sowas? Der eine wird die Frau vielleicht auslachen, der andere wird ihr sagen, dass sie spinnt. Sabine und ich, wir haben uns für einen anderen Weg entschieden. Wir haben Verständnis für ihre Ängste gezeigt, ihr beim Zubereiten der Terrine jeden Schritt gezeigt und ihr gesagt, dass, wenn sie die Sachen jetzt hier an Ort und Stelle verzehrt, ihr nichts passieren wird. Damit schien sie beruhigt zu sein. Ähnlich reagierten wir, als uns ein uns bekannter Obdachloser an einer unserer nächsten Stationen von seiner erfolglosen Wohnungssuche erzählte. Die Wohnung, die er nicht bekommen hat, wäre eh nicht sein Ding gewesen, denn sie hätte einen Impfknick gehabt. Für uns eine neue Wortkreation, die wir noch nicht kannten. Egal. Sabine machte dem Herrn Mut, dass die nächste potentielle Wohnung sicher keinen Impfknick hat.
Es hilft den Menschen mit psychischen Einschränkungen überhaupt nicht, wenn man sich über sie lustig macht, sie für bekloppt erklärt oder dagegen spricht. Einfach mitquatschen, dann passt das schon.
Bei einem nächsten Stop in der Innenstadt besuchten wir zwei Damen, bei denen wir uns insbesondere um eine der beiden momentan große Sorgen machen. Heute schlief sie, als wir ankamen. Als sie langsam wach wurde, konnten wir aber sehen, dass es ihr einigermaßen gut ging. Wir hoffen, dass sie in Zukunft Hilfe für Ihre Probleme bekommen und diese auch annehmen wird. Nachdem wir die beiden Damen versorgt hatten, fanden wir einen uns bekannten Mann in einem Bankvorraum. Für seine Verhältnisse war er heute in erstaunlich guter Form. Er überraschte uns mit einem neuen Haarschnitt. Wir brachten ihm die ganze Palette von Terrine, Kaffee über Kaltgetränk zu Süßem, danach unterhielten wir uns lange über seine geplante Entgiftung, Therapie und was danach kommen könnte. Wir hoffen, er macht tatsächlich nächste Woche den ersten Schritt.
An unserem vorletzten Halt erfuhren wir, dass ein uns bekannter Herr ab Morgen eine achtmonatige Haftstrafe antreten wird. Auch hier haben wir noch lange gesprochen und neben Getränk und was Süßem auch noch T-Shirts und Socken übergeben. Wir sind froh, ihn so spät heute noch aufgesucht zu haben, sonst hätten wir ihn bald vermisst und uns gefragt, was wohl passiert ist. In Barmen haben wir dann in einem Parkhaus noch zwei Herren mit Süppchen, Tee, Isomatten und Schlafsäcken versorgen können.
Danach machtenn wir uns auf den Heimweg und ich tippe jetzt um 3:11 Uhr noch meine frischen Eindrücke, damit auch nichts verloren geht.
Gute Nacht und passt auf euch auf.
Sabine und Kerstin vom Lichtschmiede e. V.