09. Februar 2024

Abendliche Gemütlichkeit in der Ecke einer zugigen Bahnhofshalle

Zwei uns bekannte Straßenmenschen saßen vor einem Campingtisch, als wären sie im Urlaub. Die obligatorischen Bierdosen wurden ergänzt von einem Berg gesammelter Zigarrettenkippen. Kein gepflegter Esstisch, aber auf der Straße fast schon Luxus. Wir stellten unsere Terrinen und den Kaffee dazu. Ab und an braucht man auch mal etwas Warmes.
Der ältere von beiden erzählte ein bisschen aus seinem Leben. Er hatte seit seinem 16. Lebensjahr auf dem Bau gearbeitet und es kamen über 40 Arbeitsjahre zusammen. Was war dann passiert? Was hatte ihn auf die Straße gebracht, zum Alkohol oder auch anderen Drogen? Er erzählte es nicht und wir fragten auch nicht nach. Es ist ja keine bewusste Entscheidung, suchtabhängig und obdachlos zu werden, und die Gründe dafür sind für jeden einzelnen schwerwiegend. Viele möchten eben nicht darüber reden.
Um 22 Uhr waren wir verabredet mit unserem jungen obdachlosen Freund, mit dem wir uns so gerne unterhalten. Auf die Minute pünktlich kam er durch den dunklen Park auf uns zu. Bei einer Terrine und einem Tee berichtete er von seinen beiden Monaten im offenen Vollzug – von seinen Erfahrungen mit der ganzen Bandbreite unterschiedlicher Charaktere und Straftaten. Seine Geschichte kennen wir nicht und fragten auch nicht. Wir sind uns statt dessen sehr bewusst, dass diese zunehmende Offenheit, die er uns gegenüber zeigt, ein Vertrauensbeweis ist, mit dem wir sorgsam umgehen müssen.
Auf dieser langen Tour durch Wuppertal freuten sich viele Bekannte über unsere neuen großen Rucksäcke. Die Ikea-Tasche auf dem Rücken oder der überfüllte Stoffbeutel an der Hand wurden gleich ausgetauscht. "Was alles in so einen Rucksack passt", ging uns beiden durch den Kopf, als wir beim Umpacken zuguckten.
In einem Parkhaus öffnete sich die Aufzugstür und wir sahen uns einer Gruppe obdachloser Männer gegenüber, die aber nichts brauchten. Als wir wieder fahren wollten, rief jemand: "Ja, erkennt ihr mich denn nicht?" Und ob wir ihn dann erkannten, obwohl er um Längen besser, gesünder, gepflegter aussah, als bei unserem letzten Treffen. Der Entzug war erfolgreich abgeschlossen und sein Körper hatte sich erholt. Acht Monate JVA hatten sich für ihn nur positiv ausgewirkt. Er war am Morgen erst entlassen worden, hatte für die erste Nacht ein Hotelzimmer gebucht. Ein Job und eine Wohnung waren aber schon unter Dach und Fach. Wir freuten uns sehr mit ihm und wünschen ihm, dass das Straßenleben jetzt Vergangenheit bleibt. Und dann zückte er sein Portemonnaie und drückte mir 50 € für die Lichtschmiede in die Hand. Ganz große Geste von jemandem, der das Geld nun eigentlich für sein neues Leben braucht und ganz ganz großes Dankeschön!
Diese Tour war wieder einmal besonders, weil es wieder einmal besondere Menschen waren, die wir trafen und denen wir auf unterschiedliche Art helfen konnten. Passt auf euch auf.
Sabine und Monika vom Team Lichtschmiede e. V.